Planungscheckliste fürs Fokus-Büro: Vom Raumprogramm bis zur Multisensorik

Planungscheckliste fürs Fokus-Büro: Vom Raumprogramm bis zur Multisensorik

Vom Raumprogramm bis zur Multisensorik

Fokus lässt sich nicht nachträglich in einen Grundriss hineinstellen. Ob Menschen in einem Büro konzentriert arbeiten können, entscheidet sich bereits bei der Planung: bei der Verteilung von Flächen, den Wegen durch den Raum, der Nähe zwischen unterschiedlichen Nutzungen und nicht zuletzt bei Licht, Akustik und Materialität.

Gerade in hybriden Arbeitswelten bekommt diese Aufgabe eine neue Bedeutung. Das Büro ist heute nicht nur ein Ort für Begegnung und Zusammenarbeit. Es muss ebenso Bedingungen für konzentrierte Einzelarbeit schaffen. Genau dieses Spannungsfeld greift auch Sedus INSIGHTS N° 20 „Fokus im Büro“ auf und zeigt, wie Aufmerksamkeit durch Räume, Technologien und eine passende Arbeitskultur unterstützt werden kann.

Für Architekten, Interior Designer und Design-&-Build-Teams ergibt sich daraus eine entscheidende Frage: Was muss bei der Planung geprüft werden, damit aus einer Bürofläche tatsächlich eine funktionierende Fokus-Landschaft wird?

1. Raumprogramm: Welche Form von Fokus wird überhaupt benötigt?

Der erste Schritt beginnt nicht bei Möbeln, Farben oder Materialien, sondern beim Raumprogramm.

Denn konzentriertes Arbeiten ist nicht immer gleich. Für das Bearbeiten von E-Mails oder kurzen Routinetätigkeiten braucht es eine andere Umgebung als für das Schreiben eines Konzepts, das Analysieren komplexer Daten oder eine mehrstündige Planungsphase.

Sedus INSIGHTS unterscheidet unterschiedliche Tiefen von Aufmerksamkeit. Neben leichter und mittlerer Konzentration gibt es Phasen tiefer Konzentration sowie Zeiten der Erholung. Daraus lässt sich eine wichtige Konsequenz für die Büroplanung ableiten: Es braucht nicht den einen idealen Arbeitsplatz, sondern unterschiedliche Settings für unterschiedliche Aufmerksamkeitszustände.

Prüffragen für das Raumprogramm:

  • Welche Tätigkeiten finden im Büro tatsächlich statt?
  • Wie häufig benötigen Mitarbeitende mittlere oder tiefe Konzentration?
  • Gibt es ausreichend Rückzugsmöglichkeiten für Einzelarbeit?
  • Werden neben offenen Arbeitsplätzen auch halboffene und vollständig abgeschirmte Bereiche benötigt?
  • Gibt es Orte für mentale Pausen und Regeneration?

Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lässt sich bestimmen, wie viel Fläche für Kommunikation, Fokus und Rückzug vorgesehen werden sollte.

2. Zonierung: Stören sich die unterschiedlichen Arbeitsmodi gegenseitig?

Ein Fokusraum allein macht noch kein Fokus-Büro.

Entscheidend ist, wo er liegt und was um ihn herum passiert. Befindet sich der ruhige Arbeitsbereich beispielsweise direkt neben einer stark frequentierten Kaffeestation oder führt der Hauptlaufweg des Büros daran vorbei, bleibt die räumliche Funktion zwar auf dem Plan erhalten – im Arbeitsalltag funktioniert sie jedoch nur eingeschränkt.

Deshalb sollte bereits im Grundriss eine klare Abstufung der Aktivitätsniveaus entstehen.

Kommunikative und lebendige Bereiche können dort liegen, wo Bewegung und Austausch ausdrücklich erwünscht sind. Daran anschließend können Zonen für mittlere Konzentration folgen und schließlich stärker geschützte Bereiche für tiefen Fokus.

So entsteht kein harter Wechsel zwischen „laut“ und „still“, sondern eine nachvollziehbare räumliche Dramaturgie.

Zu prüfen ist deshalb:

  • Wo entstehen hohe Frequenzen und Bewegung?
  • Wo finden spontane Gespräche oder Videocalls statt?
  • Welche Bereiche benötigen Abstand zu diesen Aktivitäten?
  • Verlaufen wichtige Laufwege durch Fokuszonen?
  • Sind Übergänge zwischen unterschiedlichen Aktivitätsniveaus klar erkennbar?

Gute Zonierung bedeutet nicht, Kommunikation aus dem Büro zu verbannen. Sie sorgt vielmehr dafür, dass Kommunikation und Konzentration nebeneinander funktionieren können.

3. Abschirmung: Wie viel Kontrolle bietet der Arbeitsplatz?

Ein wesentlicher Faktor für Fokus ist die Möglichkeit, Störungen zu reduzieren.

Dabei geht es nicht ausschließlich um Lautstärke. Auch vorbeilaufende Personen, Bewegungen im Augenwinkel, ein ständig einsehbarer Arbeitsplatz oder überraschende Unterbrechungen können Aufmerksamkeit beanspruchen.

In den Sedus INSIGHTS wird in diesem Zusammenhang auch der sogenannte peripersonale Raum betrachtet – also der unmittelbare Bereich rund um den eigenen Körper. Entscheidend ist dabei unter anderem, wie geschützt und kontrollierbar Menschen ihre direkte Umgebung wahrnehmen.

Für die Planung bedeutet das, bewusst unterschiedliche Grade der Abschirmung anzubieten.

Screens oder Möbel mit höheren Rücken- und Seitenelementen können visuelle Reize reduzieren. Halboffene Settings schaffen Rückzug, ohne Mitarbeitende vollständig vom Bürogeschehen abzuschneiden. Für besonders anspruchsvolle Aufgaben können geschlossene Fokusbereiche oder Raum-in-Raum-Lösungen sinnvoll sein.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Ist der Arbeitsplatz offen oder geschlossen?

Sondern: Passt sein Grad an Abschirmung zur Tätigkeit, die dort stattfinden soll?

4. Akustik: Wo entsteht Sprache – und wo soll sie nicht ankommen?

Akustik gehört zu den wichtigsten Planungsthemen eines Fokus-Büros.

Besonders Sprache zieht Aufmerksamkeit auf sich. Ein Telefonat einige Meter entfernt oder ein Gespräch am benachbarten Arbeitsplatz kann deshalb deutlich störender sein als ein gleichmäßiges Hintergrundgeräusch.

Eine funktionierende Akustikplanung beginnt entsprechend nicht erst bei einzelnen Absorbern. Sie beginnt bei der Verteilung der Funktionen im Raum.

Telefonbereiche, Meetingzonen und kommunikative Settings sollten so positioniert werden, dass ihre Geräusche möglichst wenig in konzentrierte Arbeitsbereiche übertragen werden. Ergänzend können schallabsorbierende Decken, Wände, textile Materialien, Screens, Vorhänge und Raum-in-Raum-Systeme eingesetzt werden.

Wichtig ist dabei: Ein Fokus-Büro muss nicht vollkommen still sein. Entscheidend ist vielmehr, akustische Reize dort zu reduzieren, wo sie mit der jeweiligen Tätigkeit konkurrieren.

Akustik-Check:

  • Welche Bereiche erzeugen regelmäßig Sprache?
  • Wie breitet sich Schall von dort aus?
  • Sind Fokusbereiche ausreichend geschützt?
  • Gibt es akustisch geeignete Orte für Telefonate und Videocalls?
  • Werden Absorption, Abschirmung und Zonierung gemeinsam betrachtet?

5. Sichtbeziehungen: Was befindet sich im Blickfeld?

Während Akustik häufig früh berücksichtigt wird, geraten visuelle Störungen schneller in den Hintergrund.

Dabei kann bereits ein Arbeitsplatz gegenüber einem stark frequentierten Durchgang dazu führen, dass Bewegungen permanent im Blickfeld erscheinen. Auch Türen, Meetingbereiche, Displays oder stark wechselnde visuelle Eindrücke können Aufmerksamkeit beanspruchen.

Für Fokusbereiche sollte deshalb bewusst geprüft werden, was Mitarbeitende von ihrem Arbeitsplatz aus sehen.

Möbel können dabei Teil der Architektur werden: Screens, Regale, Pflanzen, textile Elemente oder höhere Rückenlehnen können Sichtachsen unterbrechen und Bereiche definieren, ohne sofort feste Wände einzuziehen.

Gleichzeitig sollte Abschirmung nicht automatisch Isolation bedeuten. Manche Aufgaben profitieren von einem gewissen Bezug zum Raum, andere verlangen nahezu vollständigen visuellen Rückzug.

Auch hier ist Differenzierung wichtiger als eine Universallösung.

6. Ergonomie: Kann der Fokus auch körperlich gehalten werden?

Konzentration wird schnell als rein mentale Leistung betrachtet. Doch wer über längere Zeit fokussiert arbeitet, braucht ebenso eine körperlich passende Umgebung.

Sitzposition, Tischhöhe, Bildschirmabstand, Bewegungsfreiheit und die Möglichkeit zum Wechsel zwischen unterschiedlichen Haltungen sollten deshalb Teil der Fokusplanung sein.

Ein ergonomischer Arbeitsplatz unterstützt dabei nicht nur eine bestimmte Sitzposition. Idealerweise ermöglicht er Veränderung.

Höhenverstellbare Arbeitsflächen, ergonomische Sitzlösungen und unterschiedliche Arbeitssettings können Bewegung fördern, ohne dass dafür die Tätigkeit unterbrochen werden muss.

Auch die Größe des Arbeitsplatzes spielt eine Rolle. Für komplexe Aufgaben werden möglicherweise mehrere Bildschirme, Unterlagen oder zusätzliche Arbeitsflächen benötigt. Der Fokusplatz sollte entsprechend nicht nur ruhig, sondern auch funktional für die vorgesehene Tätigkeit sein.

7. Licht: Unterstützt die Beleuchtung die jeweilige Aufgabe?

Ein Fokusbereich kann räumlich perfekt positioniert und akustisch hervorragend abgeschirmt sein – und trotzdem unangenehm wirken, wenn das Licht nicht stimmt.

Tageslicht, Blendung, Kontraste, Helligkeit und künstliche Beleuchtung beeinflussen, wie ein Arbeitsplatz wahrgenommen wird.

Besonders wertvoll ist deshalb die Möglichkeit, Licht an unterschiedliche Tätigkeiten und persönliche Bedürfnisse anzupassen. Sedus INSIGHTS N° 20 greift genau diesen Gedanken auf: Regulierbares Tages- und Kunstlicht gehört neben Akustik, Materialien und natürlichen Elementen zu den Faktoren, die bei einer auf Fokus ausgerichteten Gestaltung zusammengedacht werden sollten.

Für die Planung bedeutet das:

  • Tageslicht nutzen, ohne Blendung zu erzeugen
  • Bildschirmarbeitsplätze entsprechend ausrichten
  • unterschiedliche Lichtzonen vorsehen
  • individuelle Regelbarkeit ermöglichen
  • Beleuchtung mit der jeweiligen Raumnutzung abstimmen

Licht kann damit nicht nur Sicht ermöglichen. Es kann unterschiedliche Bereiche charakterisieren und subtil signalisieren, welche Form von Aktivität dort vorgesehen ist.

8. Multisensorik: Arbeiten alle Sinneseindrücke zusammen?

Spätestens hier wird aus der klassischen Flächenplanung eine ganzheitliche Betrachtung des Raumes.

Denn Menschen nehmen ein Büro nicht getrennt nach Grundriss, Akustik, Licht und Material wahr. All diese Eindrücke treffen gleichzeitig aufeinander.

Eine harte Oberfläche wirkt anders als ein textiler Bezug. Holz vermittelt eine andere Haptik als Metall oder Glas. Pflanzen, natürliche Materialien, Lichtstimmungen und akustische Qualitäten beeinflussen gemeinsam die Atmosphäre.

Das bedeutet allerdings nicht, möglichst viele sensorische Reize in einen Raum zu integrieren. Gerade in Bereichen für hohe Konzentration kann Zurückhaltung entscheidend sein.

Der Sedus Beitrag zur Multisensorik im Büro beschreibt deshalb einen Ansatz, bei dem Licht, Akustik, Farben, Oberflächen und Materialien nicht miteinander konkurrieren, sondern gemeinsam eine verständliche Umgebung schaffen.

Die entscheidende Planungsfrage lautet:

Erzeugen die einzelnen Gestaltungselemente gemeinsam die Atmosphäre, die für diesen Arbeitsmodus benötigt wird?

Bei einem Fokusbereich kann das beispielsweise bedeuten:

  • ruhige Lichtverhältnisse
  • reduzierte visuelle Reize
  • angenehme Akustik
  • natürliche oder differenzierte Oberflächen
  • eine klare räumliche Struktur
  • gezielt eingesetzte biophile Elemente

Erst im Zusammenspiel entsteht eine multisensorische Qualität.

9. Wahlfreiheit: Gibt es überhaupt den richtigen Raum für mich?

Selbst ein hervorragend gestalteter Fokusplatz wird nicht für jeden Menschen und jede Aufgabe gleichermaßen funktionieren.

Menschen unterscheiden sich darin, wie empfindlich sie auf Licht, Geräusche, Nähe, Bewegung oder visuelle Reize reagieren. Auch Sedus INSIGHTS N° 20 thematisiert deshalb Neurodiversität und unterschiedliche sensorische Bedürfnisse bei der Gestaltung moderner Arbeitswelten.

Für die Planung bedeutet das einen Perspektivwechsel.

Statt einen Arbeitsplatz zu entwickeln, der vermeintlich für alle optimal ist, kann das Büro eine Auswahl unterschiedlicher Umgebungen anbieten.

Ein offener Arbeitsplatz für leichte Tätigkeiten. Ein geschütztes Setting für konzentriertes Schreiben. Ein vollständig abgeschirmter Raum für tiefe Konzentration. Ein anderer Bereich für Erholung oder kurze mentale Pausen.

Damit wird Wahlfreiheit selbst zu einem Planungsinstrument.

Mitarbeitende können die Umgebung auswählen, die zu ihrer Aufgabe und ihrem persönlichen Konzentrationsbedürfnis passt.

Die kompakte Planungscheckliste

Ein Fokus-Büro sollte deshalb nicht nur anhand einzelner Produkte oder Räume bewertet werden. Für Architekten und Design-&-Build-Teams lohnt sich ein Blick auf das Gesamtsystem:

  • Raumprogramm: Sind unterschiedliche Konzentrationstiefen und Tätigkeiten berücksichtigt?
  • Zonierung: Sind kommunikative, aktive und ruhige Bereiche sinnvoll voneinander getrennt?
  • Laufwege: Führen stark frequentierte Wege an oder durch Fokusbereiche?
  • Akustik: Werden Sprache und störende Geräusche dort begrenzt, wo Konzentration erforderlich ist?
  • Sichtschutz: Sind Bewegungen und visuelle Ablenkungen ausreichend reduziert?
  • Kontrolle: Können Nutzende ihre unmittelbare Arbeitsumgebung beeinflussen?
  • Ergonomie: Unterstützt der Arbeitsplatz auch längere Konzentrationsphasen körperlich?
  • Licht: Passen Tageslicht, Kunstlicht und Regelbarkeit zur Nutzung?
  • Materialität: Unterstützen Oberflächen, Texturen und Materialien die gewünschte Atmosphäre?
  • Multisensorik: Ergibt sich aus Licht, Akustik, Haptik und Raumgestaltung ein stimmiges Gesamtbild?
  • Wahlfreiheit: Gibt es mehrere Settings, zwischen denen Mitarbeitende abhängig von Aufgabe und persönlichem Bedürfnis wechseln können?
  • Erholung: Sind neben Fokusbereichen auch Räume vorgesehen, in denen Aufmerksamkeit wieder regeneriert werden kann?
  • Fokus ist eine Planungsaufgabe: Ein Fokus-Büro entsteht nicht dadurch, dass ein geschlossener Raum auf dem Grundriss mit „Focus“ beschriftet wird.

     

Fokus ist eine Planungsaufgabe

Konzentration beginnt wesentlich früher – bei der Frage, welche Tätigkeiten stattfinden, welche Aufmerksamkeitszustände unterstützt werden sollen und wie Räume miteinander verbunden sind.

Erst danach folgen Akustik, Abschirmung, Ergonomie, Licht und Materialien. Und erst wenn diese Faktoren zusammenspielen, entsteht eine Umgebung, die Aufmerksamkeit nicht permanent beansprucht, sondern ihr Raum gibt.

Die Sedus INSIGHTS N° 20 zeigen dabei, dass das Büro der Zukunft nicht zwischen Kommunikation und Konzentration wählen muss. Vielmehr braucht es Arbeitswelten, die beides ermöglichen und Menschen die Freiheit geben, zwischen unterschiedlichen Settings zu wechseln.

Gute Büroplanung organisiert deshalb nicht nur Flächen. Sie organisiert Aufmerksamkeit.

Mehr zum Thema „Fokus im Büro“

Sedus INSIGHTS N° 20 widmet sich ausführlich dem konzentrierten Arbeiten im hybriden Büro. Das Trend-Magazin beleuchtet unter anderem unterschiedliche Aufmerksamkeitsmodi, multisensorische Gestaltung, Neurodiversität, flexible Raumkonzepte, Technologie und die kulturellen Voraussetzungen für mehr Fokus im Arbeitsalltag.

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