Neurodiversität im Büro planen: Warum „eine Lösung für alle“ nicht funktioniert

Neurodiversität im Büro planen: Warum „eine Lösung für alle“ nicht funktioniert

Ein Büro fördert bei manchen die Produktivität, für andere wird es zur Belastung. Zu viel Lärm, zu helles Licht, ständige Bewegungen im Blickfeld, Gespräche – oder das Gegenteil: eine Umgebung mit zu wenigen Reizen. Neurodiversität macht sichtbar, was die Büroplanung lange übersah: Menschen nehmen ihre Arbeitsumgebung unterschiedlich wahr. Deshalb brauchen sie keine Einheitslösung, sondern passende Optionen. 

Tetra Pak zeigt, wie das geht. Gemeinsam mit dem Planungsbüro tp bennett entwickelte das Unternehmen Arbeitsumgebungen, die verschiedene sensorische Bedürfnisse berücksichtigen. Das Prinzip: kognitive Zonierung. Räume entstehen nicht nur nach Funktion, sondern auch nach dem Grad der sensorischen Stimulation.

Neurodiversität verändert den Blick aufs Büro

Klassische Büroplanung folgt oft einer einfachen Logik: Arbeitsplätze, Besprechungsräume, vielleicht Rückzugsräume. Für neurodiverse Arbeitsweisen reicht das nicht. Konzentration hängt von mehreren Faktoren ab: Person, Aufgabe, Umgebung, Zeitpunkt. Was für konzentriertes Arbeiten passt, taugt nicht unbedingt für Workshops. Was eine Person als angenehm empfindet, überfordert die nächste. 

Hier setzt Tetra Pak an. Mit der Strategie „Future Work Experience“ will das Unternehmen Autonomie, Wohlbefinden und Inklusion stärken – mit besonderem Fokus auf Neurodiversität. Die Räume sollen unterschiedliche Sensibilitäten und Vorlieben berücksichtigen. Ziel ist nicht das möglichst ruhige Büro, sondern ein Büro mit verschiedenen Reizniveaus.

Kognitive Zonierung: Das Büro bietet verschiedene Reizniveaus

Für die neuen Büros an internationalen Standorten entwickelte tp bennett das Konzept der kognitiven Zonierung. Die Idee: Nicht jede Tätigkeit und nicht jede Person braucht dieselbe Umgebung. Zusammenarbeit und Vernetzung erfordern andere Bedingungen als tiefe Konzentration. Auch im Tagesverlauf ändern sich die Anforderungen. Deshalb entstehen Räume mit unterschiedlichen Graden an sensorischer Stimulation:

  • Lebendige Bereiche für Austausch und Zusammenarbeit
  • Räume mit mittlerer Stimulation für alltägliche Aufgaben
  • Ruhige Arbeitsplätze für konzentriertes Arbeiten
  • Abgeschirmte Räume für tiefe Konzentration

So entsteht kein Büro mit einer einzigen Atmosphäre, sondern ein Spektrum an Möglichkeiten.

Tetra Pak in Tokio: Ruhe ohne Abschottung

Der Standort in Tokio zeigt, wie das funktioniert. Dort trennen sich Bereiche für Zusammenarbeit und konzentriertes Arbeiten klar. Ruhige Arbeitsplätze verteilen sich im Büro, einige liegen an den Außenwänden, die Schreibtische sind nach außen ausgerichtet. Das schützt akustisch und schafft visuelle Offenheit. Auch das Licht lässt sich anpassen: Die Beleuchtung ist diffus und regulierbar. Mitarbeitende können die Umgebung stärker auf ihre sensorischen Bedürfnisse abstimmen.

Das Konzept berücksichtigt ausdrücklich hypersensible und hyposensible Nutzer. Die Gestaltung zielt auf sensorische Balance. Das unterscheidet sich von der klassischen „Ruhezone“: Ruhig ist nicht automatisch besser. Entscheidend bleibt, ob die Umgebung zur Person und zur Aufgabe passt.

Warschau: Lärm dorthin, wo er hingehört

In Warschau setzt Tetra Pak das Prinzip anders um. Bereiche mit hoher Stimulation – Sozialbereiche und Treffpunkte – bündelt das Unternehmen bewusst. Aktivitäten und Lärm konzentrieren sich auf bestimmte Zonen. Ruhigere Bereiche liegen weiter entfernt, die Übergänge verlaufen fließend.

Das klingt nach einer simplen Grundrissentscheidung, steckt aber voller Überlegung: Nicht jeder braucht maximale Ruhe, aber jeder sollte einen passenden Ort finden. Die Umgebung muss Reize nicht beseitigen, sondern sinnvoll verteilen.

Zwischen offenem Büro und Rückzugsraum

Die Ruhezone in Warschau bleibt Teil des offenen Büros, doch klare Regeln gelten: Es wird nicht gesprochen, keine Videoanrufe finden statt. Wer mehr Abstand braucht, nutzt einen abgeschlossenen Fokusraum. So entsteht eine Abstufung: offener Arbeitsbereich → ruhige Zone → abgeschirmter Fokusraum. Auch beim Rückzug gibt es unterschiedliche Bedürfnisse. Eine Person braucht nur weniger Gespräche, eine andere vollständige Abschirmung. Ein einziger „Silent Room“ reicht dafür nicht.

Selbst der Weg ins Büro wird Teil des Konzepts

Tetra Pak geht weiter. In Warschau gibt es mehrere Eingänge zwischen Bereichen mit hoher und niedriger Stimulation. Mitarbeitende wählen den Eingang, der zu ihrem mentalen Zustand und ihrer geplanten Tätigkeit passt. Damit rückt das gesamte räumliche Erlebnis in den Fokus: Wie betrete ich das Büro? Was sehe ich? Welche Geräusche nehme ich wahr? Wie schnell gelange ich von einem lebendigen Bereich in eine ruhigere Zone? Die Raumaufteilung und Übergänge sollen logisch und fließend sein. Das hilft besonders Menschen mit neurologischen Besonderheiten, sich wohler zu fühlen und effektiver zu arbeiten.

Neurodiversität bedeutet nicht: weniger Reize

Hier liegt ein häufiger Denkfehler. Wer Konzentration fördern will, sucht oft nach möglichst wenig Ablenkung. Doch ein reizfreier Raum ist nicht automatisch die beste Lösung. Entscheidend bleibt, ob die Reize zur Aufgabe passen. Ein Beispiel dafür ist die Bibliothek: Auch dort gibt es Geräusche und Reize, die aber das Ziel – konzentriertes Arbeiten – unterstützen.

Für die Büroplanung heißt das: Neurodiversitätsgerechtes Design bedeutet nicht weniger von allem, sondern die richtigen Reize für die richtige Person, die richtige Tätigkeit und den richtigen Moment.

Konzentration braucht mehr als einen Arbeitsplatz

Deshalb genügt es nicht, möglichst viele identische Schreibtische aufzustellen. Unterschiedliche Konzentrationsphasen verlangen unterschiedliche Umgebungen. In den Sedus INSIGHTS N° 20 wird zwischen leichter, mittlerer und tiefer Konzentration unterschieden. Dafür eignen sich verschiedene Raumtypen:

  • Übergangs- und Bewegungsbereiche
  • Bereiche für informelle Interaktion
  • Halboffene Rückzugsräume
  • Ruhige Arbeitsplätze
  • Abgeschirmte Fokusboxen
  • Räume für tiefe Konzentration ohne Interaktionen

Das Prinzip lässt sich einfach zusammenfassen: Ein inklusives Büro braucht kein perfektes Setting, sondern ein Spektrum an Settings.

Wahlfreiheit wird zum Planungsprinzip

Selbstbestimmung spielt eine zentrale Rolle. Mitarbeitende sollen nicht nur einen Arbeitsplatz zugewiesen bekommen, sondern je nach Aufgabe und Bedürfnis zwischen verschiedenen Umgebungen wählen können. Das stärkt die Autonomie – und genau diese Wahlfreiheit steht im Zentrum des Tetra-Pak-Konzepts. Das Büro passt sich nicht an einen fiktiven „Durchschnittsmenschen“ an, sondern bietet Optionen. Die Mitarbeitenden entscheiden, was für sie funktioniert.

Was Unternehmen daraus lernen können

Tetra Pak zeigt: Neurodiversitätsgerechte Büroplanung beginnt nicht beim Rückzugsraum, sondern bei einer anderen Frage: Welche unterschiedlichen sensorischen Bedürfnisse müssen wir im Büro ermöglichen? Daraus ergeben sich konkrete Planungsprinzipien:

  • Reizniveaus differenzieren: Bereiche für Austausch, Fokus und Rückzug klar definieren
  • Wahlmöglichkeiten schaffen: Nicht jeder arbeitet immer am gleichen Ort
  • Akustik planen: Lärm gezielt bündeln, nicht überall verteilen
  • Licht regulierbar machen: Unterschiedliche Lichtempfindlichkeiten berücksichtigen
  • Übergänge gestalten: Wege zwischen den Räumen planen
  • Rückzug staffeln: Von der ruhigen Zone bis zum abgeschirmten Fokusraum
  • Nutzungsregeln definieren: Ein ruhiger Raum funktioniert nur, wenn seine Funktion geschützt bleibt

Ein Punkt wird oft unterschätzt: Architektur allein reicht nicht. Auch Arbeitszeiten, Teamgewohnheiten, Führungsverhalten und Erwartungen an Erreichbarkeit bestimmen, wie viel Raum Menschen für konzentriertes Arbeiten haben.

Das Büro muss sich anpassen – nicht der Mensch

Tetra Pak zeigt mit den Standorten in Tokio und Warschau einen Perspektivwechsel. Die Frage lautet nicht mehr: „Wie schaffen wir ein Büro, das für möglichst viele Menschen gleich gut funktioniert? “ Die bessere Frage lautet: „Wie schaffen wir ein Büro, in dem unterschiedliche Menschen unterschiedlich gut arbeiten können? “ Die Antwort ist kein Einheitsmodell, sondern ein System aus verschiedenen Reizniveaus, Raumtypen und Wahlmöglichkeiten. Hohe Stimulation für Austausch, niedrige Stimulation für Fokus, dazwischen flexible Räume für alles, was dazwischen liegt.

Genau darin liegt die Stärke einer neurodiversitätsgerechten Büroplanung: Sie passt nicht Menschen an Räume an, sondern gestaltet Räume so, dass unterschiedliche Menschen ihren passenden Arbeitsmodus finden. Das ist keine Sonderlösung für eine kleine Gruppe, sondern ein grundsätzlich neuer Blick darauf, wie ein Büro funktionieren kann.

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