Konzentration braucht Schutz – aber keine Abschottung
Untersuchungen zeigen, dass Ablenkung der größte Produktivitätskiller im Büro ist. Gespräche, visuelle Bewegung oder digitale Unterbrechungen reißen Menschen immer wieder aus dem Fokus.
Die naheliegende Antwort lautet: Abschirmung.
Und tatsächlich entstehen in vielen Projekten gezielt:
akustisch abgeschirmte Einzelräume
geschlossene Fokusboxen
visuell reduzierte Arbeitsplätze
Doch ein häufiger Fehler liegt in der Überkorrektur. Räume, die zu stark isolieren, entziehen dem Nutzer nicht nur Ablenkung, sondern auch Orientierung.
Warum völlige Ruhe nicht automatisch besser ist

Der Schlüssel liegt im sogenannten peripersonalen Raum – dem unmittelbaren Wahrnehmungsfeld rund um den Körper.
Er funktioniert wie ein sensorisches Navigationssystem:
Er verarbeitet Nähe und Distanz
Er gibt Sicherheit und Kontrolle
Er stabilisiert Aufmerksamkeit
Fehlen diese Signale – etwa in sterilen, reizarmen Umgebungen – entsteht genau das Gegenteil von Fokus: Unruhe, Ermüdung, mentale Instabilität. Konzentration braucht also nicht nur weniger Reize, sondern die richtigen.
Drei Designprinzipien für fokussierte Räume
Aus den Sedus INISIGHTS N° 20 lassen sich klare Gestaltungsprinzipien ableiten, die in aktuellen Projekten bereits umgesetzt werden:
1. Abgestufte Abschirmung statt „alles oder nichts“
Ein erfolgreiches Beispiel liefert der Ansatz der kognitiven Zonierung, etwa im Tetra Pak Projekt: Hier werden Räume nicht nach Funktionen, sondern nach dem Grad der sensorischen Stimulation organisiert.
Hohe Stimulation: soziale Bereiche, Work Cafés
Mittlere Stimulation: halbgeschützte Arbeitsbereiche
Niedrige Stimulation: ruhige Fokuszonen
Minimale Stimulation: abgeschlossene Räume für Deep Work
In Tokio wurde dies sogar räumlich konsequent umgesetzt: Fokusarbeitsplätze liegen entlang der Fassade, mit Blick nach außen – visuell ruhig, aber nicht isoliert.
Learning: Abschirmung funktioniert am besten als Gradient, nicht als harte Grenze.
2. Mikroarchitekturen statt Großraumlösung
Ein zweites Beispiel zeigt sich beim Projekt Gruppo CAP: Hier wurde der klassische Arbeitsplatz vollständig aufgelöst zugunsten eines Netzwerks spezialisierter Räume.
Statt eines festen Schreibtischs entstehen:
kleine Fokusboxen für intensive Aufgaben
ruhige Nischen entlang von Verkehrsflächen
halbgeschlossene Sitzbereiche für kurze Konzentrationsphasen
Bibliotheksbereiche als kollektive Fokusorte
Besonders interessant: Viele dieser Räume liegen zwischen anderen Funktionen – nicht isoliert am Rand.
Learning: Konzentration entsteht oft nicht in abgeschlossenen Räumen, sondern in gut positionierten Rückzugsorten im Fluss der Nutzung.
3. Sensorische Qualität statt reiner Abschirmung
Ein drittes, besonders differenziertes Beispiel liefert das Ford Otosan Projekt. Hier wird Konzentration explizit als multisensorischer Zustand verstanden.
Gestalterische Mittel:
matte Oberflächen zur Reduktion visueller Unruhe
warme, diffuse Beleuchtung
schallabsorbierende Materialien
neutrale, ruhige Farbwelten
Ergänzt durch:
klare räumliche Hierarchien
sanfte Übergänge zwischen Zonen
taktile Materialien zur „Erdung“
Learning: Nicht die Abwesenheit von Reizen zählt – sondern deren Kohärenz.
Die unterschätzte Rolle gemeinsamer Fokusräume

Ein besonders spannender Trend: Konzentration wird wieder kollektiv gedacht.
Bibliotheksähnliche Räume – etwa im Projekt Start it @KBC – zeigen, wie das funktioniert:
offene, aber ruhige Umgebung
klare Verhaltensregeln (keine Calls, keine Gespräche)
warme Materialien und natürliche Elemente
halbgeschlossene Nischen für individuellen Rückzug
Diese Räume wirken fast intuitiv: Schon beim Betreten stellt sich ein anderer mentaler Zustand ein.
Learning: Konzentration ist nicht nur individuell – sie kann auch durch soziale Codes und räumliche Atmosphäre entstehen.
Übergänge sind entscheidend
Ein oft unterschätzter Aspekt in der Planung: der Weg zwischen den Räumen.
Gute Arbeitsumgebungen bieten:
fließende Übergänge statt abrupter Wechsel
Zwischenzonen für mentale Anpassung
Wahlmöglichkeiten je nach Tagesform
In Projekten wie Tetra Pak werden sogar unterschiedliche Eingänge genutzt, um direkt in die passende „mentale Zone“ zu gelangen.
Learning: Fokus beginnt nicht im Raum – sondern auf dem Weg dorthin.
Fazit: Die richtige Menge Abschirmung ist eine Frage der Balance
Die Gestaltung von Räumen für tiefe Konzentration ist kein binäres Problem.
Es geht nicht um offen oder geschlossen. Nicht um laut oder leise. Sondern um ein fein abgestimmtes Zusammenspiel von:
Schutz
sensorischer Qualität
räumlicher Vielfalt
und individueller Wahlfreiheit
Oder anders gesagt: Der beste Fokusraum ist nicht der stillste – sondern der, in dem sich Menschen orientiert, sicher und präsent fühlen.
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