Mindset. Skillset. Toolset.

Warum Unternehmen zu Bildungsorten und Arbeitsräume zu Erlebnisorten werden müssen

Mindset. Skillset. Toolset.

1. Sie sind Gesundheitspsychologin und Zukunftsforscherin – und sprechen regelmäßig vor Führungskreisen in Wirtschaft, Politik und Verwaltung. Wie prägen junge Generationen die Zukunft der Arbeit?

Ich stelle meinen Keynotes oft eine Frage voran: „Whatif 2030 75 Prozent unserer Workforce in Deutschland aus den Generationen Y, Z und Alpha bestehen? Welche Auswirkungen würde dies auf die Kultur, Arbeitsräume, Leadership, Rekrutierung, Retention oder den technologischen Fortschritt Ihrer Unternehmen haben?“ Das ist keine rhetorische Frage – das ist die strategische Realität, auf die sich Unternehmen jetzt vorbereiten müssen. 

Wir befinden uns im angespanntesten Arbeitsmarkt aller Zeiten. Die Fähigkeit, die richtigen Menschen zu gewinnen, zu entwickeln und zu halten, ist die größte strategische Frage unserer Zeit: Ohne Talente bleiben Unternehmen auf der Strecke. Ohne Talente kein Wachstum. Ohne Talente keine AI-Diffusion. Was viele Unternehmen unterschätzen: Der Talentmarkt ist nicht nur enger geworden – er spitzt sich weiter zu und muss gleichzeitig fundamental neu verstanden werden. 

Denn Talente haben sich verändert. Die besten Leute denken heute nicht mehr in klassischen Karrierepfaden oder linearen Hierarchien – und auch nicht in der Zielsetzung, irgendwann CEO von großen Unternehmen zu werden. Sie denken in Sinn, Freiheit, Geschwindigkeit, Ownership, Sichtbarkeit. Karriere ist nicht mehr die Leiter nach oben, sondern der Beitrag nach vorn. Unternehmen der Zukunft bauen keine Belegschaft mehr auf. Sie bauen Ökosysteme von Fähigkeiten. Das, was sich Talente wünschen.

2. Sie sprechen von einer Mammutaufgabe historischen Ausmaßes. Was steht für Unternehmen in den kommenden Jahren wirklich auf dem Spiel?

Künstliche Intelligenz ist ein Brandbeschleuniger unserer VUCA-Realität – einer Welt, die immer volatiler, unsicherer, komplexer und ambivalenter wird. Wer weiterhin aus dem Modus der Erfahrung agiert, wird Nokia, Schlecker oder Praktika schöne Grüße ausrichten können. Der Druck zur Veränderung ist auf allen drei Ebenen spürbar: Mindset, Skillset, Toolset – und er hat direkte Auswirkungen auf Führung, Teams und Talente. 

Die eigentliche Mammutaufgabe ist dabei die Weiterbildung. Der Fortschritt von Künstlicher Intelligenz wird so rasant sein, dass Schulen, Ausbildung und Universitäten mit der Anpassung ihrer Lehrpläne schlicht nicht mehr hinterherkommen. Weshalb es eine unfassbare Anstrengung bedeuten wird, Mitarbeitende in diesem neuen KI-Zeitalter mitzunehmen, sie upzuskillen, zu reskillen und für sie möglicherweise neue Aufgaben im Unternehmen zu finden. Ansonsten werden wir massenhaftes Deskilling erleben. 

Meine klare Forderung an Unternehmen lautet deshalb: „BE LEADING IN TEACHING!“ Ermöglichen Sie eine „BEST LEARNING AND DEVELOPMENT EXPERIENCE“ – auf drei Ebenen: erstens Raum, zweitens Technologie, drittens Mensch und Methodik. Unternehmen, die das jetzt begreifen, werden zum Weiterbildungschampion ihrer Branche und damit zum attraktivsten Arbeitgeber im War for Talents, die wir trotz Agentic AI immer noch benötigen.

3. Wenn Organisationen KI einführen, ohne Menschen systematisch weiterzuentwickeln, droht eine schleichende Entwertung von Kompetenz. Wie real ist dieses Risiko?

Hochreal – und wissenschaftlich belegbar. In einer MIT-Studie wurden Teilnehmer gebeten, einen Aufsatz zu schreiben – eine Gruppe ohne digitale Hilfe, eine zweite mit Google-Suche und eine dritte mit KI-Tools wie ChatGPT. Während der Aufgabe wurden ihre Gehirne gescannt. Die Teilnehmer, die KI nutzten, konnten die Aufgabe 60 Prozent schneller abschließen. Ihre Gehirnaktivität nahm jedoch gegenüber den anderen Gruppen um fast 50 Prozent ab – und 83 Prozent konnten sich nicht einmal mehr an einen einzigen Satz erinnern, den sie geschrieben hatten. 

Die Nutzung von KI führt zum sogenannten CognitiveOffloading – bei dem Menschen Gedächtnis- und Problemlösungsaufgaben an die Technologie auslagern. Was zwar kurzfristig Aufwand spart, langfristig aber Kosten verursacht: geringere Tiefe des kritischen Denkens, reduzierte Erinnerungsleistung, Fragmentierung der Autorschaft und höhere Anfälligkeit für oberflächliche Perspektiven. Wer unter Last an KI delegiert, ohne das nötige Erfahrungsfundament zu haben, sammelt keine Kompetenz – er baut stattdessen CognitiveDebt auf. Das Paradoxe daran ist: Die KI fühlt sich wie Entlastung an. Sie ist es in diesem Moment auch. Aber auf lange Sicht ist sie für Unerfahrene ein Problem. 

Das Wegfallen von Entry-Level-Arbeit ist deshalb nicht nur ein Beschäftigungsproblem, sondern ein kognitives Entwicklungsproblem: Eine ganze Kohorte baut nicht die neuronalen Grundlagen auf, die sie bräuchte, um später gute KI-Nutzerinnen und -Nutzer zu sein.

4. Generation Z und Alpha wachsen in einer Dauerkrisen- und Erlebnisökonomie auf. Wie verändert das ihre Erwartungen an Arbeit und Arbeitgeber?

Junge Menschen navigieren heute gleichzeitig vier miteinander verknüpfte Krisen. Erstens die Cost-of-Living Crisis: steigende Lebenshaltungskosten bei stagnierenden oder unsicheren Einkommen. Eigentum erwerben, drei Kinder finanzieren und ein Auto kaufen – heute für viele kaum erreichbar. Permanente finanzielle Anspannung, selbst bei Vollerwerbstätigkeit, und kaum Spielraum, um in die Altersvorsorge zu investieren. 

Das führt direkt in die zweite Krise: eine End-of-Ambition Crisis. Junge Menschen ziehen sich von klassischen Aufstiegs- und Leistungsnarrativen zurück – denn materieller Wohlstand ist nicht gleich immaterieller Wohlstand. Die Systemlogik entspricht nicht mehr ihrer Lebenslogik. 

Drittens treiben KI-Entwicklungen eine Entry-Level-Jobs Crisis: Experten warnen, dass bis zu 50 Prozent der Entry-Level-White-Collar-Jobs in den nächsten fünf Jahren verschwinden könnten. Wenn sich der Einstieg in den Arbeitsmarkt verändert, verändert sich auch die Basis unseres Vorsorgesystems. 

Und das mündet in die vierte Krise: eine Bildungskrise. Gen Z und Alpha haben ihre gesamte Identität auf kognitiver Leistung aufgebaut – genau das wird durch KI infrage gestellt.

5. Titel, Status und Gehalt verlieren an Strahlkraft. Was suchen junge Talente stattdessen – und was unterschätzen Unternehmen dabei am häufigsten?

Ich unterscheide fünf Antreiber sinnvoller Arbeit. Die klassischen zwei sind extrinsisch: Status- und Nutzenorientierung. 

Hinzu kommen drei neue, intrinsische Dimensionen: Beitragsorientierung – also die Frage nach Sinn und Impact. Gemeinschaftsorientierung – der Wunsch nach Zugehörigkeit und Verbindung. Und Leidenschaftsorientierung – Arbeit im Einklang mit eigenen Stärken und Interessen. 

Was Unternehmen unterschätzen: Talente denken in Ökosystemen an Möglichkeiten. Unternehmen der Zukunft bauen keine Belegschaft mehr auf – sie bauen Ökosysteme von Fähigkeiten. 

6. Viele Unternehmen investieren massiv in Technologie. Wird im gleichen Maße in Führung, Kultur und Zugehörigkeit investiert?

Klar und deutlich: Nein – und das ist eine der gefährlichsten Investitionslücken unserer Zeit. 

Bis in die 2030er Jahre geht die gesamte Babyboomer-Generation in Pension. Gleichzeitig stellt sich die Frage: Wer übernimmt Führung? 

Die eigentliche Herausforderung ist nicht Technologie – sondern die Entwicklung von Menschen, die diese Technologie sinnvoll einsetzen und gestalten können.

7. Sie sprechen von „Inspiring Leadership“. Was unterscheidet inspirierende Führung von klassischem Management?

In einer Welt voller Information gewinnt, wer inspiriert. 

Inspiring Leadership basiert auf drei Rollen: Visionär, Vorbild und Mentor. Und auf einer einfachen, aber entscheidenden Frage: Mögen Sie Menschen wirklich? 

Denn genau dort beginnt gute Führung.

8. Im Co-Play von Mensch und KI: Welche Fähigkeiten gewinnen an Bedeutung?

Erfolg entsteht durch die Kombination aus menschlicher und künstlicher Intelligenz. 

An Bedeutung gewinnen: kritisches Denken, ethische Urteilsfähigkeit, Beziehungskompetenz und die Fähigkeit, KI-Ergebnisse einzuordnen. 

9. Wird Lernfähigkeit wichtiger als Fachwissen?

Ja. Die Halbwertszeit von Skills sinkt rapide. 

Lernen ist keine Option mehr, sondern Pflicht. Und Bildung muss heute mehr leisten als reine Wissensvermittlung – sie muss Sinn, Gemeinschaft und persönliche Entwicklung ermöglichen. 

10. Unternehmen als Bildungsorte – was heißt das konkret?

Qualifizierung wird zum strategischen Kern der Wertschöpfung. 

Es braucht eine neue Lernarchitektur aus Raum, Technologie sowie Mensch und Methodik – und neue Rollen, die diese Transformation steuern. 

11. Welche Rolle spielt die Arbeitsumgebung?

Der Arbeitsplatz wird zum „Point of Experience“. Er muss Verbindung, Zugehörigkeit und Entwicklung ermöglichen – und damit einen echten Mehrwert gegenüber rein digitaler Arbeit schaffen.

12. Ihre drei wichtigsten Empfehlungen an Unternehmen?

Erstens: Verlassen Sie den Modus der Erfahrung und denken Sie in Zukunftsszenarien. 
Zweitens: Werden Sie ein „BE LEADING IN TEACHING“-Unternehmen. 
Drittens: Entscheidend ist nicht das Ziel – sondern das System und das Training. 

High Performance entsteht immer aus System und Vorbereitung. 

Fazit: Zukunft entsteht nicht von selbst

Die Transformation der Arbeitswelt ist längst keine abstrakte Zukunftsfrage mehr – sie findet jetzt statt. Und sie stellt Unternehmen vor eine doppelte Herausforderung: Sie müssen technologische Entwicklungen nicht nur verstehen, sondern gleichzeitig ihre Organisation, ihre Führung und ihre Arbeitsumgebungen grundlegend neu denken. 

Was das Gespräch mit Dr. Steffi Burkhardt deutlich macht: Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Technologie selbst, sondern in der Fähigkeit, Menschen mitzunehmen, weiterzuentwickeln und zu inspirieren. 

Mindset, Skillset und Toolset sind dabei keine isolierten Handlungsfelder – sie greifen ineinander. Unternehmen, die es schaffen, Lernen strategisch zu verankern, Führung neu zu definieren und Arbeitsräume als echte Erlebnis- und Entwicklungsorte zu gestalten, werden im Wettbewerb um Talente die Nase vorn haben. 

Oder anders gesagt: 
Die Zukunft der Arbeit entscheidet sich nicht daran, wer die besten Tools hat – sondern daran, wer die besten Systeme schafft, in denen Menschen ihr Potenzial entfalten können.

Kontakt
Kontakt aufnehmen
Showrooms
Lassen Sie sich inspirieren