Eine Innenarchitektin, die mit ihrer Arbeit einen nachhaltigen Wandel bewirkt, ist Kay Sargent. Mit fast 40 Jahren Berufserfahrung setzt sie sich als Senior Principal bei HOK’s Interiors Group für lebendige, inklusive Arbeitsräume ein und betont dabei die Bedeutung von Mentoring und Innovation. Wir haben mit Kay über die Gestaltung neuroinklusiver Arbeitsräume und die Entwicklung von Arbeitsumgebungen gesprochen, die Flexibilität, Zugehörigkeit und Inklusion in den Vordergrund stellen.

Der Büroalltag kann für jeden anstrengend oder stressig sein. Für neurodivergente Menschen kann jedoch eine Umgebung, die oft von und für neurotypische Menschen geschaffen wurde, eine ständige Herausforderung darstellen. Warum ist das so?
Es sind nicht nur Büros, die von neurotypischen Menschen entworfen wurden, sondern alle Räume, die von Menschen gestaltet wurden, die nur ihre eigenen Umstände, kognitiven und kommunikativen Stile, Erfahrungen, sozialen Erwartungen und Umweltbedürfnisse im Blick haben. Es handelt sich um das Problem der doppelten Empathie, eine Theorie von Damian Milton, die die Schwierigkeiten erklärt, die Menschen haben, die Situation anderer zu verstehen. Es handelt sich eher um ein gegenseitiges Verständnisdefizit als um ein einseitiges Defizit.
Professionelle Inklusion bedeutet, sicherzustellen, dass Menschen mit Beeinträchtigungen gleichberechtigt am Arbeitsleben teilnehmen können. Dies gilt nicht nur für körperliche Einschränkungen, sondern auch für neurologische.
Warum werden neurologische Unterschiede deiner Meinung nach bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen immer noch so wenig berücksichtigt?
70 % der Beeinträchtigungen sind unsichtbar, daher ist es leichter, neurologische Unterschiede zu übersehen. Und nur 4 % der neurodivergenten Menschen geben ihre Neurodiversität am Arbeitsplatz preis. Aber wir streben nach Gerechtigkeit, nicht unbedingt nach Gleichheit. Gleichheit bedeutet, dass alle Menschen die gleichen Ressourcen und Chancen erhalten wie andere. Gerechtigkeit hingegen erkennt an, dass jeder Mensch unterschiedliche Lebensumstände und Bedürfnisse hat. Anstatt allen das Gleiche zu geben, werden die geeigneten Ressourcen und Chancen bereitgestellt, die erforderlich sind, um gleiche Ergebnisse zu erzielen.

Neuroinklusives Design zielt darauf ab, Barrieren für neurodivergente Menschen zu beseitigen. Was sind die wichtigsten Faktoren, die besondere Aufmerksamkeit verdienen?
Als wir neurodivergente Menschen fragten, welche Designstrategien sie hilfreich finden, tauchten aus einer Liste von über 30 Optionen immer wieder die folgenden 15 Elemente auf:
- Die Möglichkeit, den Arbeitsort selbst zu wählen
- Räume, in denen man sich bewegen und herumzappeln kann
- Einen fest zugewiesenen Arbeitsplatz haben
- Zugang zu Tageslicht
- Arbeitsplätze in wenig frequentierten Bereichen
- Spezielle Ruheräume
- Räume mit Rückzugsbereichen
- Räume mit einstellbarer Beleuchtungsstärke
- Räume, die natürliche Elemente enthalten
- Verstellbare, ergonomische Möbel
- Reduzierte visuelle Unordnung
- Screens zum Blockieren und Reduzieren von Lärm und visuellen Ablenkungen
- Räume, die visuelle Verbindungen und klare Sichtlinien ermöglichen
- Wanddisplays für den Informationsaustausch
- Leicht zugänglicher Stauraum
Wir haben festgestellt, dass die Anwendung dieser Strategien dazu beiträgt, neuroinklusivere Räume zu schaffen, von denen sowohl neurodivergente als auch neurotypische Menschen profitieren.
Offene Büros oder häufige Bewegungen in der Nähe können für Menschen, die besonders aufmerksam auf ihre Umgebung achten, sehr ablenkend sein. Wie können wir diese Belastung am Arbeitsplatz reduzieren?
Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass mehr Menschen sich in engen Räumen gestört fühlen als in offenen Umgebungen. Wenn diese Räume agil und zweckorientiert gestaltet sind und den Menschen das bieten, was sie am meisten wollen – Auswahl, Optionen und Kontrolle –, können sie sehr erfolgreich sein.
Obwohl offene Umgebungen akustische Herausforderungen mit sich bringen können, ist Stille nicht die Lösung. Viele gehen davon aus, dass Mitarbeitende Ruhe wünschen, doch völlige Stille kann ablenkender sein als gleichmäßige Hintergrundgeräusche. Das eigentliche Problem in modernen Arbeitsräumen sind oft unzureichende Umgebungsgeräusche, wodurch einzelne Gespräche hervorstechen und die Konzentration stören.

Das Ziel ist es, Umgebungen zu schaffen, in denen neurodivergente Menschen ihre Stärken nutzen können, ohne diskriminiert zu werden. Wie kann die Raumaufteilung dies unterstützen?
Durch räumliche Zonierung werden innerhalb einer Umgebung unterschiedliche Bereiche geschaffen, die den Arbeitsmodalitäten entsprechen und unterschiedliche Aktivitäts- und Energieniveaus widerspiegeln. Räumliche Zonen sollten klar abgegrenzt sein, um die Zweckbestimmung jedes Raums zu vermitteln. Eine effektive Gestaltung der Umgebung kann dazu beitragen, verschiedene Zonen zu schaffen, die unterschiedliche Arbeitsweisen unterstützen und es den Mitarbeitenden ermöglichen, Ablenkungen zu bewältigen.
Neben der Raumplanung sind auch Beleuchtung und Akustik von entscheidender Bedeutung. Wie können unterschiedliche sensorische Bedürfnisse am besten berücksichtigt werden?
Architektonische Elemente wie Beleuchtung, Akustik und Materialität sollten so gestaltet sein, dass sie die Funktionalität der einzelnen Aktivitätszonen widerspiegeln. Deckenflächen und Bodenbeläge sollten variiert werden, um eine visuelle Unterscheidung zwischen den Funktionsbereichen in offenen Räumen – wie Durchgängen, Arbeitsbereichen und Gemeinschaftsbereichen – zu ermöglichen.

Welche Rolle spielen Texturen und Farben bei der Unterstützung neurodiverser Bedürfnisse?
Farbe ist ein wirkungsvolles Gestaltungselement, das Absichten vermitteln, die Stimmung beeinflussen und sich auf Verhalten und Leistung auswirken kann. Sie kann auch bei der Orientierung in Räumen helfen. Kräftige Farben oder komplexe Farbpaletten, die von neurotypischen Menschen möglicherweise übersehen werden, können sich negativ auf neurodivergente Menschen mit erhöhter visueller Sensibilität auswirken. Auch die Farbsättigung und -intensität können negative Auswirkungen haben. Eine hohe Farbsättigung wirkt stimulierender, während eine geringere Sättigung oder gedeckte Farben eher beruhigend wirken. Farben, die in der Natur häufig vorkommen, wie Braun-, Grün- und Blautöne, werden im Allgemeinen besser wahrgenommen.
Texturen können verwendet werden, um Elemente zu definieren, zu beleben, zu bereichern und zu betonen. Sie können dazu beitragen, die Intensität von Reizen zu verringern oder zu erhöhen. Texturen verleihen einer zweidimensionalen Oberfläche nicht nur Tiefe, sondern auch eine taktile Erfahrung. Polstermöbel, gepolsterte Oberflächen, weiche Bodenbeläge und der Kontrast zwischen glatten und strukturierten Oberflächen bereichern einen Raum.
Bei der Gestaltung eines neuen Raums stützt du dich auf Daten. Welche spezifischen Datenpunkte berücksichtigst du?
Um ein Unternehmen wirklich zu verstehen, muss man seine einzigartige organisatorische DNA bewerten. Nach jahrelangen Engagements, Bewertungen und Interaktionen mit einer Vielzahl von Unternehmen haben wir sechs Schlüsselelemente identifiziert, die die DNA eines Unternehmens ausmachen:
- Branche
- Regionale Einflüsse
- Demografie
- Unternehmenskultur
- Organisationsstruktur
- Individuelle Arbeitsstile und -muster
Wenn wir wissen, wo eine Organisation in jeder dieser Kategorien steht, können wir die besten Lösungen finden. Wenn sich jedoch einer dieser Faktoren ändert, muss die Raumlösung diese Unterschiede berücksichtigen.

Du bezeichnest dies als „Wissenschaft des Designs“. Warum ist die Nutzung von Daten so wichtig, wenn es um Neuroinklusion geht?
Um erfolgreiche Räume zu schaffen, müssen wir ein tieferes Verständnis dafür entwickeln, wie sensorische Elemente auf uns wirken. Wir haben uns darauf fokussiert, Daten darüber zu sammeln, wie sich die gebaute Umwelt auf Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und Neurotyps auswirkt. Dabei haben wir uns darauf konzentriert, wie verschiedene Elemente – Beleuchtung, Geräusche, thermischer Komfort, Verdichtung, Farben und Texturen – auf uns wirken.
Welche Fortschritte habt ihr als führendes Unternehmen im Bereich der neuroinklusiven Arbeitsplatzgestaltung in den letzten Jahren beobachtet?
Als wir vor neun Jahren mit unserer Forschung begannen, wussten die meisten Menschen in unserer Branche nicht, was der Begriff Neurodiversität bedeutet. Heute ist es eher selten, dass jemand diesen Begriff nicht kennt. Viele Unternehmen beschäftigen sich mittlerweile mit Neuroinklusion in ihren Räumen. Aber wir brauchen mehr Forschung darüber, wie sich die gebaute Umwelt auf uns auswirkt.
Welche Herausforderungen gibt es noch in deiner täglichen Arbeit?
Wir müssen nicht nur ein tieferes Verständnis für die sensorische Verarbeitung und die Funktionsweise des Menschen in Räumen entwickeln, sondern uns auch mit der Terminologie auseinandersetzen. Worte sind wichtig und Sprache entwickelt sich ständig weiter. Auch wenn verschiedene Gruppen unterschiedliche Begriffe bevorzugen, haben wir uns bemüht, die am weitesten verbreitete, nicht diskriminierende und neuroinklusive Sprache zu verwenden. Außerdem müssen wir unsere Forschung auf alle Räume und Orte ausweiten, mit denen wir interagieren – Stadien, Flughäfen, Gesundheitswesen, Labore, Fertigung, Einzelhandel und unsere Stadtlandschaften. Die vielleicht größte Herausforderung besteht jedoch darin, die Ergebnisse zu verbreiten, Missverständnisse auszuräumen und allen zu vermitteln, dass dies nicht nur für einen kleinen Prozentsatz der Bevölkerung relevant ist – es geht um sensorische Verarbeitung, kognitives Wohlbefinden und die Schaffung einer Welt, in der sich alle entfalten können.
Das Interview mit Kay Sargent erschien erstmals im Sedus LOOKBOOK N° 03. Hier können Sie sich die ganze Ausgabe des Magazins kostenlos per E-Mail bestellen.
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