Ergonomische Arbeitsplätze gelten heute oft als selbstverständlich – höhenverstellbare Schreibtische und flexible Bürostühle gehören in vielen Unternehmen längst zum Standard. Doch reicht das aus? Im Interview erfahren wir, was Ergonomie wirklich bedeutet, welche Faktoren über Möbel hinaus eine Rolle spielen und warum die beste Ausstattung wenig bringt, wenn sie nicht richtig genutzt wird. Ein Gespräch über Haltung, Verantwortung und die Herausforderungen moderner Arbeitswelten.

Herr Bakschas, bevor wir inhaltlich einsteigen: Können Sie uns kurz erzählen, wer Sie sind, welche Schwerpunkte Sie in Ihrer Arbeit setzen und wie sich Ihre Zusammenarbeit mit Sedus gestaltet?
Mein Name ist Jörg Bakschas, ich bin selbstständiger Unternehmensberater und beschäftige mich seit vielen Jahren mit dem Thema „Wie leben und arbeiten wir in Zukunft?“. In Bezug auf die Büromöbelbranche helfe ich dabei, wie man New-Work-Flächen einrichtet und wie man Menschen mitnimmt, um neue Arten von Arbeit nicht nur zu akzeptieren, sondern auch mit Kompetenz und Spaß auszuführen. Ein wesentlicher Schwerpunkt meiner Arbeit ist dabei auch die ergonomische Gestaltung von modernen Flächen und das Training der Menschen, die dort arbeiten möchten. Zusätzlich bin ich als Normungsexperte für den Industrieverband Büro und Arbeitswelt (iba) tätig. Mit Sedus arbeite ich schon seit mehr als 15 Jahren als Trainer und Speaker rund um Office-Themen zusammen.
Wie würden Sie persönlich „Ergonomie“ definieren? Ist es eher eine Wissenschaft, eine Haltung oder eine Alltagspraxis?
Ergonomie heißt zunächst einmal aus dem Griechischen übersetzt „die Wissenschaft der Anpassung der Arbeitsumgebung und der Arbeitsmittel an den Menschen“. Wir haben seit den 60er-Jahren in der Büromöbelindustrie daran gearbeitet, unsere Arbeitsmittel, das heißt vor allen Dingen Tische und Stühle, ergonomisch zu gestalten. Speziell den Bürostühlen haben wir über die Jahre viele Hebelchen spendiert, damit sie sich wirklich individuell an den Menschen anpassen lassen. Ist diese Anpassung des Bürostuhls an den einzelnen Nutzer richtig vorgenommen, wird er in verschiedensten Arbeitshaltungen an seinem Büroarbeitsplatz optimal unterstützt. Aber auch andere Faktoren wie Akustik, Klima, Licht etc. haben sich enorm weiterentwickelt.
Wenn Sie einen Arbeitsplatz das erste Mal sehen: Welche drei Dinge betrachten Sie zuerst?
Wenn ich einen Arbeitsplatz das erste Mal sehe, dann betrachte ich zunächst seine Ausrichtung im Raum in Bezug zu Fenstern, weiteren Arbeitsplätzen und Laufwegen. Das zweite ist dann die am Tisch sitzende Person in Bezug auf ihre Körperhaltung und Nutzung der Arbeitsmittel, die an diesem speziellen Arbeitsplatz vorhanden sind. Danach betrachte ich dann die weiteren Faktoren wie Licht, Akustik und Klima, die an diesem Arbeitsplatz vorherrschen.
Welche Aspekte haben – über die Möblierung hinaus – den größten Einfluss auf die Ergonomie eines Arbeitsplatzes?
Das ist eine interessante Frage, gerade in Zeiten, in denen wir völlig neue Büroumgebungen sehen, die auf hohe Flexibilität und ständig wechselnde Aufgaben anpassbar sein sollen. In diesen neuen Büroflächen ist ein wesentlicher Einflussfaktor die Akustik. Daher sind auch die ersten Forderungen der Mitarbeitenden nach Bezug solcher neuen Flächen in der Regel Rückzugsmöglichkeiten beziehungsweise Rückzugsräume, um zum Beispiel konzentriert arbeiten zu können oder sensible Telefonate zu führen.

Welche ergonomischen Mindestanforderungen darf ein Arbeitnehmer heute von seinem Arbeitgeber erwarten – etwa in Bezug auf Arbeitsstuhl, Tischhöhe oder Ausstattung? Und ab wann ist es berechtigt, z. B. einen höhenverstellbaren Schreibtisch einzufordern?
Die ergonomischen Mindestanforderungen an einen Arbeitsplatz sind in Deutschland durch die Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) vorgegeben und die entsprechenden Arbeitsstätten-Regeln (ASR) sind bis ins Detail so ausgelegt, dass ein ergonomischer Arbeitsplatz im Büro für einen Bildschirmarbeitsplatz vorhanden sein muss. Die Forderung nach einem höhenverstellbaren Schreibtisch ist heutzutage eigentlich eine Selbstverständlichkeit, setzt aber meiner Meinung nach voraus, dass er in der Praxis von dem Menschen auch wirklich genutzt wird.
Welche ergonomischen Fehlkonzepte begegnen Ihnen am häufigsten?
Was mir in der Praxis häufig begegnet, sind moderne, gut gemeinte Flächenkonzepte, die allerdings in Teilen mit der tatsächlichen Nutzung durch die Mitarbeitenden kollidieren. Das liegt daran, dass die Anforderungen an Möblierung und Gestaltung durch die Aufgaben geprägt werden, die dort zukünftig zu erledigen sind. Die Akzeptanz von Arbeitsplätzen oder Arbeitsflächen hängt dabei nicht nur vom guten Willen der Mitarbeitenden ab, sondern auch von deren individuellen Fähigkeiten.
Welche falschen Annahmen über Ergonomie würden Sie gerne aus der Welt schaffen?
Ich glaube die am weitesten verbreitete Annahme über Ergonomie ist die, dass man sich da heutzutage nicht mehr mit beschäftigen muss und der Arbeitgeber die volle Verantwortung hat. Rein rechtlich ist der Arbeitgeber dazu verpflichtet, entsprechende Arbeitsmittel zur Verfügung zu stellen, aber ein Arbeitsplatz kann nur dann ergonomisch sein, wenn der Nutzer bereit ist, ihn auch richtig einzustellen und zu nutzen. Er muss dazu in aller Regel sein Verhalten ändern.

Welche Rolle spielt die persönliche Verantwortung? Wie viel können Produkte leisten und wie viel müssen die Nutzer selbst tun?
Die persönliche Verantwortung spielt eine wesentliche Rolle in der heutigen schnelllebigen Arbeitswelt. Ich kann dem Nutzer die besten Tools zur Verfügung stellen; sie nutzen aber nichts, wenn er nicht willens oder fähig ist, sie vollumfänglich zu begreifen und zu nutzen. Ein wesentlicher Faktor, der vom Produkt geleistet werden muss, ist dabei die Intuition des Nutzers zu unterstützen, damit wesentliche Funktionen erkannt werden. Je umfangreicher die Verstellmöglichkeiten zum Beispiel bei Bürodrehstühlen sind, umso höher ist natürlich auch die Gefahr der Fehlbedienung, also die Möglichkeit, den Stuhl falsch einzustellen. Das lässt sich nur durch Schulungen der Nutzer vermeiden.
Welche Ergonomie-Tipps haben Sie insbesondere für hybrides oder mobiles Arbeiten?
Auf diese Frage könnte ich einen ganzen Tag lang antworten. Um nur einen kurzen Tipp zu geben, sollte der Nutzer sich bewusst sein, dass die Arbeit mit einem Bildschirmgerät, ob fix oder mobil, im Home-Office oder an anderen Third Places, die gleichen Anforderungen an die Gestaltung des Arbeitsplatzes stellt wie auch im Corporate Office. Das heißt, die Mindest-Arbeitsfläche, die Ausrichtung des Arbeitsplatzes mit Blickrichtung parallel zur Fensterfront und die Nutzung eines guten Drehstuhls ist auch beim mobilen Arbeiten Grundvoraussetzung, um langfristig fit und leistungsfähig zu bleiben. Außerdem sind noch eine gute Selbstorganisation und vernünftiges Arbeitszeitmanagement gefragt.
Wie hat sich das Verständnis von Ergonomie in den letzten Jahren verändert – auch in Bezug auf New-Work-Trends?
Diese Frage treibt mich schon seit einiger Zeit an und ich muss leider feststellen, dass derzeit durch die KI-Blase, die viele Menschen völlig überfordert, und der teilweise krampfhaften, trendigen Gestaltung von Arbeitsflächen nur noch sehr wenige Leute an Ergonomie zu denken scheinen. Es geht vielmehr um Flächeneffizienz, Attraktivität der Räume und vor allem die hippste Informationstechnologie. Gerade letztere stellt nach meiner Erfahrung gerade in Kommunikationsräumen einige Unternehmen vor große Probleme.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Büroergonomie?
Ich wünsche mir für die Zukunft der Büroergonomie ganz klar, dass sie überhaupt wieder in das Bewusstsein der verantwortlichen Gestalter, aber auch in das der Nutzer kommt. Wir sehen heute schon die zunehmenden Auswirkungen von unsachgemäßer Nutzung mobiler Devices, die sich u. a. in „Neck Shoulder Syndromen“ zeigen. Für Prävention und Nutzerschulungen sind kaum Budgets in den Unternehmen vorhanden, was sich meiner Meinung nach noch bitter rächen wird, denn die Zunahme der Ausfalltage aufgrund von durch Wissensarbeit bedingten Krankheiten ist nur eine Frage der Zeit. Den Beschäftigten die Gestaltung ihrer mobilen Arbeitsplätze eigenverantwortlich, auch finanziell, zu überlassen, ist einfach zu kurz gedacht.
Wenn Sie nur einen einzigen Ergonomie-Tipp geben dürften, der sofort wirkt – welcher wäre das?
Da brauche ich gar nicht lange zu überlegen. Meine klare Antwort: So viel Bewegung wie möglich und kurze Pausen während der Bildschirmarbeit!

Ob im Corporate Office, im Home-Office oder unterwegs: Ergonomie bleibt ein zentrales Thema für gesundes und leistungsfähiges Arbeiten. Das Interview mit Jörg Bakschas zeigt, dass nachhaltige Büroergonomie nur dann funktioniert, wenn Produktqualität, Raumgestaltung und Nutzerverhalten zusammenspielen. Bewegung, Wissen und Bewusstsein sind dabei ebenso wichtig wie gute Möbel – und letztlich eine Investition in die Zukunft der Arbeit.
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